Fürs Leben gelernt
Brillant: Heinz Koch in "Klamms Krieg" am
AuGuSTheater Neu-Ulm
Von unserem Mitarbeiter Christian
Oita
Neu-Ulm.
Schule ist nicht immer ein Zuckerschlecken, doch alles in einem
halb so schlimm. Könnte man meinen. Bevor man Kai Hensels
hochaktuelles Stück "Klamms Krieg" gesehen hat.
Seine intelligente Lehrstunde in Sachen Pädagogen-Krise
zeigt wie es heutzutage ablaufen kann, wenn unter der Schulbank
und vor dem Lehrerpult mit harten Bandagen gekämpft wird.
Die Inszenierung von Claudia Riese am Theater Neu-Ulm wartet mit einem Heinz Koch
in Topform auf.
"Wollen Sie keine Notizen machen?"
fragt er seine Schüler, wohl wissend, dass an geregelten
Unterricht gar nicht zu denken ist. Doch Klamm, der stets korrekte
Oberstudienrat mit dem strengen Seitenscheitel und der dicken
Hornbrille denkt nicht daran, sich die Besorgnis über den
soeben eingetreten Ausnahmezustand anmerken zu lassen. Weil
er Sascha einen Punkt beim Abitur verweigerte, haben ihm dessen
Mitschüler per Brief den Krieg erklärt. Er sei schuld
an Saschas Selbstmord, behaupten sie. "Eine Anmaßung",
auf die er mit juristischen Schritten reagieren wird, versichert
der Lehrer zu Beginn noch mit überheblichem Blick. Doch
der vermeintlich längere Hebel, an den sich Klamm anfangs
noch wähnt, schrumpft von Tag zu Tag.
Die Klasse bleibt hart, obwohl der Lehrer alle
denkbaren Tricks der modernen Pädagogik anwendet. "Sie
haben nichts gegen mich in der Hand", will er seine Schäfchen
zuerst noch glauben machen, droht ihnen später sehr direkt,
übt sich in jovialen Verständnis-Experimenten, macht
einen auf Gutmensch. "Sie reden von Krieg? Ich führe
ihn seit 30 Jahren!", versichert er, und zeigt auf eine
Kiste mit Aktenordnern, in denen er die Fehler von Kollegen
und Schülern peinlich genau vermerkt hat. Das Gymnasium,
dessen Direktor stets eine Pistole bei sich trägt, macht
alsbald Stimmung gegen den unbeliebten Lehrer. Der sieht sich
plötzlich von jungen Kollegen und verblödeten Pickelgesichtern
umzingelt, fängt an im Unterricht zu saufen. Reichen 30
Jahre mehr an Lebenserfahrung und die Macht der Notenverteilung
aus, um einen Krieg im Alleingang zu gewinnen? Am Ende sind
es die eigenen Waffen, die allen Beteiligten zum Verhängnis
werden.
Diesen zum Scheitern verurteilten Analytiker,
den Heinz Koch da mit abweisenden Gesten und spießiger
Attitüde zum Leben erweckt, wird man als Zuschauer so schnell
nicht wieder vergessen. Kochs komplex angelegter Gymnasial-Lehrer
ist von einer Wahrhaftigkeit durchdrungen, die selbst echten
Oberstudienräten gegen Ende einen kalten Schauer bescheren
dürfte. Denn ein schlichter Klassenzimmer-Tyrann ist der
unbeliebte und zugleich stark menschelnde Herr Klamm beileibe
nicht. "Klamms Krieg" ist als entlarvender Monolog
nicht nur fulminant geschrieben, sondern von Claudia Riese auch
so straff und dicht inszeniert, dass keine Sekunde Langweile
aufkommen mag. Absolut sehenswert, nicht nur für Lehrer
und solche, die es nie werden wollten.
"Klamms Krieg" kann als mobile Produktion
in Schulen gezeigt werden.
Neu-Ulmer Zeitung, Samstag, 8. April
2006
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